Die neue Reihe in der Rubrik „Bukei – Online“ beschäftigt sich mit der praktischen Anwendung traditioneller (Waffen-)Kampfkünste. Unter dem Begriff BiB – Budô in Business, stelle ich Ihnen im monatlichen Wechsel Denkansätze und –modelle vor, wie Sie großen Nutzen aus dem enormen Wissensschatz der Budô-Disziplinen ziehen können. BiB wendet sich – etwas anders als BLI – Budô Leadership Improvement – an ALLE in und an der Wirtschaft beteiligten Personen. Im Laufe der Zeit erörtere ich an dieser Stelle beispielsweise die Notwendigkeit „Motivierter Mitarbeiter mit gesundem Geist in gesundem Körper“ für die Prosperität eines jeden Unternehmens oder Amtes und noch vieles mehr. Bleiben Sie neugierig und lassen Sie sich überraschen.
BiB – Budô in Business:
Heijôshin V– Innere Ruhe
Hotei; KampfhÀhne beobachtend (Tuschezeichnung v. Miyamoto Musashi)
Ist die mentale Auseinandersetzung mit der “Leben-oder-Tod”-Frage heutzutage noch zeitgemäß? (2)
Was würden Sie tun, wenn Sie wüßten, dass Sie noch eine
Woche zu leben haben? Würden Sie Ihre letzten Tage in einem wilden, ungehemmten
Gelage sinnlicher Vergnügungen verbringen? Viele würden so handeln. Oder würden
Sie alles, was Sie in den Jahren angesammelt haben, verkaufen und Ihre letzte
Woche damit verbringen, für alle Einrichtungen zu spenden, die Ihnen das wert
zu sein scheinen. Das wäre lobenswerter. Würden Sie sich bis ins kleinste
Detail um die Regelung Ihres Nachlasses kümmern, damit Ihre Angehörigen nach
Ihrem Tod versorgt wären? Das würde ein hohes Maß an Verantwortung und
Zuverlässigkeit zeigen. Würden Sie jeden freien Moment mit Ihren Verwandten und
engsten Freunden verbringen? Das würde Ihre letzten Stunden womöglich am
angenehmsten machen. Oder würde Sie nichts anderes machen, als vorige Woche
oder die Woche davor? Das würde zeigen, dass Sie durch Ihren Lebensstil heijôshin entwickelt haben.
Das führt uns zu einem weiteren Paradoxon: Wenn Sie heijôshin erreicht haben, werden Sie
folgerichtig jeden Tag so leben, als wäre es Ihr Letzter. Das heißt allerdings
nicht, dass wenn Sie jeden Tag so leben, als wäre es Ihr Letzter, auch automatisch
heijôshin gemeistert haben. Heijôshin bedeutet nicht einfach nur “zu
leben, als gäbe es kein Morgen”; es geht vielmehr darum, wie Sie Ihre letzten
Tage verbringen. Das ist der Maßstab für Ihre Charakterstärke. Die Qualität und
der Sinn Ihres Lebens macht seinen Wert aus.
Wie sollte man sein Leben leben, um heijôshin
zu entwickeln?
Das höchste Prinzip des heijôshin ist die Entwicklung des Geistes (der Kombination von
Intellekt, Gefühl und Charakter) bis zu so einer hohen Stufe, dass man sich von
den Umständen nicht mehr beeinflussen läßt. Es bedeutet, den Umständen nicht zu
erlauben, die Emotionen zu kontrollieren. Und es bedeutet, den Gefühlen nicht zu
gestatten, die Urteilsfähigkeit zu trüben.
Wenn Ihre Zufriedenheit und Ihr Sicherheitsempfinden
vornehmlich von Ihrem finanziellen Status abhängen, werden Sie sich nur so
lange gut fühlen, so lange alles rund läuft. Wenn Sie Ihren Arbeitsplatz
verlieren und es losgeht, dass Sie Schwierigkeiten haben, Ihre Rechnungen zu
bezahlen, werden Sie sich bald permanentem Stress ausgesetzt fühlen, an Ihren
eigenen Fähigkeiten und Ihrem Selbstwert zweifeln und darüber verärgert sein,
dass Sie Ihre frühere finanzielle Unabhängigkeit verloren haben. Am Ende ist es
wahrscheinlich, dass Sie sich dabei wieder finden, dass Sie eine Arbeit
annehmen, die Ihnen nicht zusagt, nur um Ihre Selbstachtung und Ihren
finanziellen Status wieder herzustellen. Das ist ein Beispiel dafür, wie die
Umstände Ihre Emotionen beeinflussen und Ihre Emotionen im Gegenzug Ihr
Urteilsvermögen trüben.
Wenn Ihre Zufriedenheit allerdings darauf beruht, dass
Sie wissen, welche Art Mensch Sie in Ihrem Innern sind, werden Sie eher
verstehen, dass das Leben aus ewigen Aufs und Abs besteht. Wenn Sie erstmal
erkannt haben, dass das Wichtige im Leben das ist, was Sie sind und nicht das, was Sie haben,
sind Sie in der Lage, sich über die Umstände zu erheben.
Der zweite Grundsatz, der zum Verständnis von heijôshin führt, ist die Erkenntnis,
dass Sie Teil der Sie umgebenden Umwelt sind; dass das, was Sie sind und was
Sie tun, Auswirkungen auf Ihre Mitmenschen hat. Natürlich beeinflussen auch Ihre
Gefühle andere. Wenn Sie niedergeschlagen sind, werden Sie das auf die Menschen
übertragen, mit denen Sie in Kontakt kommen. Wenn Sie gut drauf sind, wird
allein Ihre Anwesenheit die anderen heiterer machen. Wenn Sie sich daneben
benehmen, werden Sie Ihre Mitmenschen verärgern oder deren Gefühle verletzen.
Wenn Sie sich freundlich und respektvoll verhalten, können Sie das Gleiche von
Ihren Mitmenschen erwarten. Die Menschen, die auf die eine oder andere Art zu
Ihnen aufsehen, werden Ihrem Beispiel folgen; im Guten wie im Schlechten. Das
gilt es als Führungskraft zu beachten.
Basierend auf der Übersetzung „Flashing Steel“, M. Shimabukuro, L.J. Pellman, 1995
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